Lieber Johnny, …

„Lieber Johnny, heute habe ich vergessen, mein Tagebuch zu schreiben.“ Dieser Satz ist wahrscheinlich die Triebfeder für diesen Blog. Haben Sie als Kind auch Tagebuch geschrieben? So richtig mit dem neu erworbenen Füller von Lamy oder Pelikan und einem gebundenen Buch mit Linien? Aber nicht die großen, die man in der Grundschule verwenden musste, weil sich sonst die Schreibschrift über die ganze Heftseite gezogen hätte. Mein erstes Tagebuch war beige, mit einem niedlichen Teddybär-Mädchen drauf, das einen Hut trug, den ich zwanzig Jahre später in der neuesten Kollektion von Vivienne Westwood wiederzuentdecken glaubte. Das pastell-rosafarbene Kleid glitzerte sanft vor sich hin. Allerdings nur so lange, bis ich das Buch zum ersten Mal in meinen roten Scout-Ranzen steckte und sich der ohnehin recht lose Glitzer-Kleber über mein Mathebuch ergoss. Es hatte weder einen Akku, noch Batterien. Es ließ sich nicht abschalten und reagierte nicht auf Sprachbefehle. Selbst dann nicht, wenn man genervt davor saß und hineinbrüllte, weil es einen schon wieder nicht verstand. Und das Beste war: Es bestand vollständig aus Papier! Wenn es voll war, legte man es zum Verstauben ins Regal ‒ ein Speicher-Upgrade war nur durch stümperhafte Bastelarbeiten möglich. Und da kaufte man doch besser gleich ein neues.
In diesem Tagebuch, das ich kürzlich beim Aufräumen fand, gibt es Hinweise auf Besuche bei meiner Oma und die damit verbundene Aussicht auf saure Gummi-Pommes, das damalige Fernsehprogramm und Meckie-Comics in der „Hörzu“. Doch der mit Abstand am meisten verfasste Satz darin ist: „Heute habe ich vergessen, mein Tagebuch zu schreiben.“ Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich damit sagen wollte. Vielleicht nichts. Vielleicht war es eine Art der Entschuldigung bei meinem gebundenen Freund, der übrigens über mehrere Bände hinweg Johnny hieß, für die vermutete Vernachlässigung. Oder eine Rechtfertigung dafür, stattdessen andere Dinge getan zu haben, die ich heute nicht mehr benennen kann, weil ich sie eben nicht aufgeschrieben habe. In jedem Fall ist es aber der unmittelbare Ursprung, die Motivation für diesen Blog. Ich hole nach, was ich damals nicht getan habe. Was hat sich seitdem tagebuchmässig geändert? Saure Pommes mag ich immer noch. Auch das Fernsehprogramm. So sehr, dass ich mich auch beruflich gelegentlich damit beschäftige. Den Lamy-Pelikan-Füller haben jetzt allerdings meine beiden Söhne, die zwar noch nicht schreiben können, aber ungefähr drei Tage nach ihrer Geburt schon wussten, wie man You Tube auf einem iPad anklickt. Wenn sie in die Grundschule kommen, werden sie Tinte vermutlich nur noch vom Hörensagen kennen. Ein guter Grund, es doch noch mal zu versuchen. Sicherheitshalber nehme ich mir erstmal einen Eintrag pro Monat vor, sodass es nicht so auffällt, wenn ich einen Tag vergesse. Damit sich dieser Satz nie mehr wiederholt.

Veröffentlicht von

Cornelia Klein

Ein Musikfreak ist Dr. Cornelia Klein seit der zweiten Grundschulklasse, als ihre Lehrerin „Bon Jovi“ als Lieblingsband im Poesiealbum angab – was natürlich überprüft werden musste. Ein paar Jahre später zeichnete sich allerdings ab, dass ihr Talent, der E-Gitarre hitverdächtige Hymnen zu entlocken, im überschaubaren Bereich liegt. Der Berufswunsch „Rockstar“ fiel damit aus. Ein Plan B musste her, und so unternahm sie während des Studiums der Erziehungswissenschaften (Schwerpunkt: Medienpädagogik, Hauptfach: Pädagogische Psychologie) in Heidelberg einige Ausflüge ins Radio und belegte nach dem Diplom einen Moderationskurs bei Ex-MTV-Ikone Steve Blame. Seit der Fortbildung als Musikjournalistin in München schreibt sie über Popkultur und Musik, interviewte aber auch Musikgrößen wie Mike and the Mechanics, the Yardbirds oder Ray Wilson (u.a. für den „Mannheimer Morgen“). Anschließend promovierte sie in Karlsruhe über die Fans von Bruce Springsteen („Mediale Vorbildkompetenz“). Hauptberuflich arbeitet sie Lektorin und Redakteurin in einem sozialwissenschaftlichen Verlag und als freiberufliche Schriftstellerin (Fach- und Sachbücher, Belletristik). Sie lebt mit Mann, drei Söhnen, Wellensittichen und Schildkröten in Südhessen. In ihrer Freizeit besichtigt sie am liebsten (musik-)historische Schauplätze. Mitgliedschaften: VEJ – Vereinigung Europäischer Journalisten e.V. Mörderische Schwestern e.V.